Leseprobe

Man nennt mich Odysseus von Ithaka und dies ist die Geschichte meines Lebens.
Ich wurde vor fast siebzig Jahren als Sohn des Laertes und der Anticleia geboren. Es herrschte tiefster Winter, als ich den Schoß meiner Mutter verließ. Ich war ein kleines, schwächliches Kind und meine Eltern hatten kaum Hoffnung, dass ich diesen überaus harten Winter überleben würde. Doch dank der Fürsorge meiner Mutter und meiner Amme schaffte ich es irgendwie.
Mein Vater Laertes war wie sein Vater und dessen Ahnen König von Ithaka – soweit man die Herrscher einer winzigen Felseninsel überhaupt als Könige bezeichnen konnte. Immerhin war es den kriegerischen Aktivitäten meiner Ahnen zu verdanken, dass mein Vater auch über die Nachbarinseln Same, auch Kefalonia genannt, und Hyria sowie über einen kleinen Teil des östlichen Festlandes gebieten durfte. Somit war der Titel „König von Ithaka“ zumindest für meinen Vater wohl doch einigermaßen gerechtfertigt.
Meine Mutter Anticleia stammte aus Krissa, einer Stadt zu Füßen des Parnassos-Gebirges und nicht weit vom berühmt-berüchtigen Orakel Delphi entfernt. Ihr Vater Autolycos bewohnte einen prächtigen Palast in Krissa und herrschte über ausgedehnte Ländereien in der gleichnamigen Ebene - auch wenn er sich nicht „König“ nennen durfte. Angeblich war Autolycos ein Sohn des Hermes, des listenreichen Schutzgottes der Händler und Diebe. Auch wenn die göttliche Herkunft meiner Familie angezweifelt werden darf – der Einfallsreichtum und die Gewitztheit meines Großvaters Autolycos sind unbestritten. Allerdings war sein Sinn für Humor manchmal etwas schwer verständlich. Er war es, der mir meinen Namen gab: Odysseus - der Gehasste, der Schmerzerfüllte, der Elende. So ganz konnte ich ihm das nie verzeihen.
Ich war der einzige Sohn meiner Eltern. Zumindest der einzige überlebende Sohn. Ich erinnere mich an eine Feier zur Geburt meines kleineren Bruders, als ich drei oder vier Jahre alt war. Doch die große Freude wich bald einem noch größeren Schmerz, als mein jüngerer Bruder ein paar Monate später an einem schweren Fieber starb. Auch meine Schwester Ctimene und ich erkrankten damals, erholten uns jedoch bald wieder.
Ctimene war drei Jahre älter als ich. Unsere Familie bewohnte das obere Geschoss des königlichen Palastes von Ithaka. Falls man dieses Gebäude überhaupt Palast nennen durfte. Es hatte nichts gemeinsam mit den prunkvollen Palästen in Mykene oder Sparta. In Troia oder gar Ägypten wohnten die königlichen Sklaven in Gemächern, die weitaus komfortabler und prächtiger waren als die unsrigen.
Immerhin war zumindest das untere Stockwerk von steinernen Mauern umgeben. Diese führten allerdings dazu, dass es insbesondere in den Wintermonaten, aber auch in manchen Sommernächten, empfindlich kalt wurde. So wurde der größte und schönste Raum des Palastes, der Thronsaal, um eine gewaltige, runde Feuerstelle errichtet, die ihm Wärme und einen Hauch von Gemütlichkeit spendete. Vier bunt bemalte, steinerne Säulen um die Feuerstelle stützten das Dach und die Wände des Rauchabzugs. An der Hinterwand des Saales stand der mächtige steinerne Thron meines Vaters, bedeckt mit Fellen, die das königliche Gesäß vor der Kälte schützen sollten. Alle anderen im Raum mussten mit hölzernen Sitzgelegenheiten vorlieb nehmen, je nach Rang der auf ihnen Sitzenden mehr oder weniger unbequem. Im Untergeschoss des Palastes befanden sich auch der Speiseraum, die Küche, mehrere Lagerräume, Schlaf- und Waschgelegenheiten für Gäste.
Das Obergeschoss, in dem die Privatgemächer unserer Familie lagen, war aus Lehmziegeln errichtet worden. Hölzerne Säulen stützten das Dach und verliehen den kahlen Räumen etwas Anmut. Immerhin gab es hier zwei größere Badezimmer – meine Mutter hatte meinen Vater in der Hochzeitsnacht von den besonderen Reizen eines duftenden, sauberen Körpers überzeugen können.
Meine Schwester Ctimene und ich bewohnten zunächst ein gemeinsames Schlafgemach. Direkt nebenan schlief unsere Amme Eurycleia. Eurycleia war ein paar Jahre jünger als meine Mutter und viel schöner. Zumindest erschien es mir damals so. Sie hatte große, weiche Brüste, wundervolle weibliche Kurven und langes, samtiges braunes Haar. Es hieß, mein Vater hatte Eurycleia einem umherreisenden Sklavenhändler zu einem wahnwitzigen Preis abgekauft, weil ein Blick der schönen Illyrerin seinen sonst so wachen Verstand vernebelt hätte. Dennoch wagte Laertes nicht, Eurycleias Lager zu teilen, angeblich aus Furcht vor dem Zorn meiner Mutter Anticleia.
Eurycleia war die Güte in Person. Sie tröstete Ctimene und mich, wann immer es nötig war, sie schlichtete unsere ewigen Streitereien mit köstlichen Leckereien aus der Palastküche und sie verscheuchte mutig die Gespenster der dunklen Winternächte. Anticleia und Laertes schenkten uns eine umfassende Ausbildung, Eurycleia schenkte uns ihre Liebe.

Odysseus
Historischer Hintergrund