Leseprobe

Nachdem ich mich davon überzeugt hatte, dass all meine Gäste gut versorgt und ausreichend beschäftigt waren, verließ ich den Saal und ermutigte Paris mit einem Blick, mir zu folgen. Langsam genug ging ich zu einem kleinen Garten in einem der Innenhöfe des Palastes. Zwar könnte man uns hier von den Fenstern des Obergeschosses sehen, doch der Garten war immerhin groß genug, um Lauscher fernzuhalten.
Ich musste nicht lange warten, bis ich Paris’ schnelle Schritte nahen hörte. Mein Herz klopfte wie wild als ich ihn sah, meine Leber krampfte sich zusammen und ich musste all meine Berrschung aufbieten, um nicht am ganzen Körper zu zittern.
„Helena, ich hoffe, du verzeihst, dass ich mich dir auf diese Weise nähere“, sagte Paris. Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. „Ich glaubte, in deinen wunderschönen blauen Augen dieselben Gefühle gelesen zu haben, die auch ich empfinde. Bitte sag mir, wenn dem nicht so ist und du meine Anwesenheit als Beleidigung empfindest!“
Eigentlich hätte ich ihn jetzt fortschicken und vielleicht sogar die Palastwachen rufen sollen, doch mein Hals war wie zugeschnürt. Ich konnte kein Wort herausbringen und sah ihn nur an. Paris stand so nah bei mir, dass sich unsere Gesichter fast berührten.
„Du sagst nichts, also kann ich noch immer hoffen“, fuhr Paris fort. „Als ich dich zum ersten Mal sah, vor genau 69 Tagen auf Kythera, war es um mich geschehen. Ich hatte keine Ahnung, wer du warst, doch ich wusste vom ersten Augenblick an, dass ich dich wiedersehen musste. Von den Priestern auf der Insel erfuhr ich deinen Namen. Als ich hörte, dass du die Gemahlin des Königs von Sparta bist, fühlte es sich an wie ein Dolchstoß in meine Leber. Ich versuchte alles, um dich zu vergessen, doch in jeder Nacht seit diesem verhängnisvollen Tag lag ich wach und dachte an diesen einen Moment der Ewigkeit, in dem sich unsere Blicke trafen und die übrige Welt versank. Wenn ich dann irgendwann doch in einen fiebrigen Schlaf fiel, träumte ich nur von dir. Ich war kaum noch in der Lage klar zu denken, was natürlich auch meinem Bruder Deiphobobos auffiel. Doch wie konnte ich ihm erzählen, dass ich mich nach nur einem Blick in die Königin von Sparta verliebt hatte und sich all meine Gedanken nur darum drehten, sie wiederzusehen?
Ich weiß, ich benehme mich wie ein törichter Jüngling und nicht wie ein Prinz von Troja, doch ich kann nicht anders. Als ich bei deiner Schwester Klytaimnestra in Mykene weilte und von ihr erfuhr, dass Agamemnon und Menelaos gemeinsam auf Reisen sind, fasste ich den Entschluss, nach Sparta zu kommen. Deiphobos ahnte natürlich, dass mich nicht die Mission unseres Vaters hierher zog. Wahrscheinlich hoffte er, ich würde meinen Verstand wiedergewinnen, wenn du mich persönlich aus meinen wahnsinnigen Träumen reißt.
Ich glaubte allerdings, in diesem einen Augenblick auf Kythera und auch in den letzten Tagen hier in Sparta in deinen wundervollen Augen und deinen anmutigen Gesten zu lesen, dass du vielleicht meine Gefühle erwidern könntest. Wahrscheinlich ist dies nur der absurde Wahn eines liebestollen Narren, doch ich muss es wissen: Helena, empfindest du irgendetwas für mich? Kann ich armer Narr hoffen, dass du vielleicht einen Bruchteil meiner Gefühle erwidern könntest?“
Am liebsten wäre ich sofort in seine Arme gefallen und hätte sein Gesicht mit meinen Küssen bedeckt, doch ich wusste nicht, ob man uns beobachtete. Also antwortete ich ebenso leise, wie er gesprochen hatte: „Du hast dich nicht getäuscht! Auch ich habe seit diesem Tag auf Kythera jeden Tag und jede Stunde an dich gedacht und von dir geträumt. Ich hatte nicht damit gerechnet, dich jemals wiederzusehen. Umso glücklicher, doch auch umso verwirrter war ich, als du vor sechs Tagen hier ankamst. Deine Worte und deine Gefühle für mich bedeuten mir unendlich viel.
Ich habe so etwas noch nie zuvor erlebt. Auch ich kann kaum einen klaren Gedanken fassen, und doch muss ich meine Gefühle beherrschen. Ich bin die Königin von Sparta, Gemahlin des Menelaos und Mutter einer kleinen Tochter. Du bist ein Prinz von Troja. Wie die Dinge stehen, ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis sich unsere Reiche im Krieg gegenüberstehen. Wir müssen unsere Gefühle verbergen und vergessen!“
„Vergessen? Wie kannst du so etwas verlangen? Offenbar habe ich mich geirrt. Deine Gefühle für mich sind nur eine Illusion, denn ich werde dich niemals vergessen können!“ Zum ersten Mal erblickte ich ein bedrohliches gelbliches Funkeln in Paris’ wundervollen Augen, doch es verschwand sofort wieder. Ich fühlte das warme Nass einer Träne auf meiner Wange.
„Oh verzeih, ich wollte dich nicht beleidigen...“, Paris’ Stimme war wieder so leise und sanft wie zuvor. „Es zerreißt mir die Leber, wenn ich sehe, wie Tränen deine Wangen hinabfließen und ich sie nicht mit meinen Küssen trocknen kann. Wie konnte ich nur an deinen Gefühlen zweifeln? Du bist nicht nur schön wie die aufgehende Sonne, sondern auch weitaus klüger als ich. Wahrscheinlich hast du recht, unsere Liebe hat keine Zukunft.
Doch was bedeutet mir der Rest der Welt ohne deine Liebe? Was ist Troja, was ist Sparta, was sind alle Reichtümer der Welt, wenn ich dich niemals wiedersehen darf, nie wieder deine Stimme höre, den Duft deines Haares riechen und im unendlich tiefen Blau deiner Augen versinken kann?“
Offensichtlich war Paris tatsächlich noch weit mehr von seinen Gefühlen verwirrt, als es bei mir der Fall war. Dennoch verstärkte sein wirres Gestammel meine Gefühle für ihn nur noch mehr. Liebe ist schon eine merkwürdige Angelegenheit: solange du sie nicht erlebt hast, wirst du Verliebte, die sich wie Idioten benehmen, nur verspotten, doch wehe dir, wenn Amors Pfeil dein eigenes Herz trifft!
Ich wusste nicht, was ich Paris antworten sollte. Am liebsten wäre ich sofort mit ihm gegangen und hätte die Welt um uns herum vergessen. Stattdessen wandte ich mein Gesicht von ihm ab und sagte leise, mit von Tränen erstickter Stimme: „Auch ich kann mir ein Leben ohne dich kaum noch vorstellen. Doch es darf nicht sein, du musst mich vergessen! Es ist schon spät, man wird uns vermissen. Ich muss zurück in den Thronsaal. Es tut so leid, mein Liebster. Ich werde immer an dich denken...“ Zumindest mit meinen Blicken streichelte ich sein Gesicht, ehe ich mich zum Gehen wandte.
Doch er hielt mich zurück: „Warte, du kannst mich nicht so verlassen! Jetzt, wo wir uns gerade gefunden und unsere Liebe gestanden haben, soll alles schon vorbei sein, wie ein flüchtiger Traum? Damit kann ich nicht leben! Ohne dich will ich nicht mehr leben! Wir werden Sparta bald verlassen müssen, doch ich möchte dich wenigstens noch ein einziges Mal wiedersehen. Ich flehe dich an, Helena: wenn du mich wirklich liebst, kannst du mir diese Bitte nicht abschlagen!“
Natürlich wusste Paris, wie man Frauen überzeugt, und wider alle Vernunft ließ ich mich nur zu gern überzeugen: „Also gut. Morgen Nacht in meinen Gemächern. Sei vorsichtig!“ hauchte ich ihm zu, ehe ich zu meinen anderen Gästen zurückkehrte.

Helena von Troja
Historischer Hintergrund