Leseprobe "Francis Drake"

Cartagena, Neu-Spanien, Februar 1586
Francis Drake hatte sich tatsächlich Cartagena als nächstes Angriffsziel auserkoren. Seine Flotte segelte am 9. Februar 1586 zunächst an der Hafenanlage vorbei, was die Bürger der Stadt aufatmen ließ. Doch dann drehten die Schiffe bei. Drake ließ die Flotte am Eingang des äußeren Hafens Anker werfen. Nur wenige Einwohner Cartagenas hatten in dieser Nacht Schlaf gefunden, doch andererseits fühlte man gut auf die Engländer vorbereitet.
Nach Einbruch der Nacht setzten die Engländer einen Teil der Soldaten an Land. Sie sollten im Eilmarsch die Landzunge überqueren und am inneren Hafen vorbei in die Stadt einmarschieren. Die Soldaten waren vorsichtig genug, um den vergifteten Fallen zu entgehen, und blieben auch von der Besatzung der beiden Galeonen im inneren Hafen unbemerkt.
Drake wandte seine bewährte Taktik auch in Cartagena an: während seine Schiffe auf die Festungsmauern feuerten, drangen die Soldaten von Land in die Stadt ein. Doch die Bewohner Cartagenas wollten sich nicht so schnell ergeben, wie es in Santo Domingo der Fall gewesen war.
Allmählich formierten sich die spanischen Verteidiger – unter ihnen auch Diego Montilla und Pedro Alcalde. Sie nutzten ihre überlegene Ortskenntnis aus, um den Engländern harte Gefechte in den engen Straßen der Stadt zu liefern. Natürlich ging es Don Diego auch um die Verteidigung der Stadt, doch sein Hauptziel war Rache an Drake. Wie ein Berserker stürmte er mit seinen Männern auf die angreifenden Engländer zu. Mit seiner Pistole feuerte er, bis seine Munition verbraucht war. Er zückte seinen Degen und stürzte er sich damit auf die Angreifer, ohne Rücksicht auf sein eigenes Leben. Er tötete einige englische Soldaten, verwundete andere, doch Drake selbst traf er nicht.
Pedro Alcalde versuchte verzweifelt, in der Nähe seines Freundes zu bleiben, um ihn vor allzu unbesonnenen Taten zu bewahren – doch Diego machte es ihm nicht leicht. Während Pedro versuchte, zwei Engländer mit seinem Degen in Schach zu halten, sah er, wie Diegos Leute vor den Angreifern zurückwichen und Diego es mit fünf Engländern gleichzeitig aufnehmen musste. Mit aller Kraft gelang es Pedro, die beiden Angreifer abzuschütteln. Diese beteiligten sich daraufhin an der Verfolgung der fliehenden Spanier, während Pedro seinem Schwager zu Hilfe eilte. Er kam keine Sekunde zu früh: Diego blutete bereits aus mehreren Wunden. Er hielt den Degen in der linken Hand, der rechte Arm hing schlaff herunter und Pedro sah mit Entsetzen eine heftig blutende Schusswunde an Diegos Schulter. Dennoch zeigte Diego kaum Anzeichen von Schwäche: obwohl der Blutverlust ihm zu schaffen machen musste, schien er keinerlei Schmerzen zu spüren und stürzte sich immer wieder mit verbissener Wut auf seine Gegner, von denen er bereits zwei niedergestreckt hatte.
Pedro sah, wie ein weiterer Engländer seine Pistole nachlud, um den Kampf endlich zu beenden. Er stürzte auf ihn zu und schaffte es ihn letzter Sekunde, dem Engländer seinen Degen in die Brust zu stoßen. Diego nahm seinen Freund kaum wahr und kämpfte mit dem Mut der Verzweiflung weiter, während sich die übrigen Spanier längst zur Flucht gewandt hatten. Als jedoch die englischen Soldaten plötzlich gegen zwei verrückte Spanier kämpfen mussten, während ihre Kampfgefährten vielleicht schon mit dem Plündern begonnen hatten, ließen sie die beiden einfach stehen und rannten ihren Kameraden hinterher.
Obwohl sich Diego kaum noch auf den Beinen halten konnte, verfluchte er die Feigheit der Engländer und wäre ihnen am liebsten hinterhergerannt. Zum Glück war Pedro bei ihm. Er schaffte es, seinen Freund zu beruhigen und in eine Seitengasse zu ziehen. Dort hörten sie, wie der Kampflärm allmählich verebbte. Das konnte nur eins bedeuten: den Engländern war es gelungen, Cartagena einzunehmen. Der Blutverlust hatte Diego inzwischen so geschwächt, dass er kaum noch bei Bewusstsein war. „Na schön“, dachte sich Pedro, „dann muss ich mich jedenfalls nicht mit Dir herumstreiten, wenn ich uns jetzt einen Fluchtweg suche.“ Er lud sich Diego auf die Schultern und schleppte ihn unbemerkt von den plündernden Engländern aus der Stadt.

Drake kämpfte selbst in der vordersten Reihe der angreifenden Engländer mit. Oft reichte sein Anblick schon aus, um die Spanier in die Flucht zu schlagen. Doch die spanischen Verteidiger verstanden es, die englischen Truppen zu spalten und in erbitterte Einzelgefechte zu verwickeln. Während Drakes Gruppe noch recht gut vorankam, gab es an anderen Stellen große Verluste in den Reihen der Engländer. Doch die Aussicht auf reiche Schätze feuerte ihren Kampfeswillen an. Mühsam wurden die Spanier Schritt für Schritt bis zur Plaza Mayor zurückgedrängt. Erst im Morgengrauen ergaben sie sich.
Gleich nach dem Sieg verlegte Drake seine Schiffe in den inneren Hafen, um die Stadt notfalls unter Beschuss nehmen zu können. Seine Leute durchsuchten die Häuser der Spanier, raubten den Familienschmuck und die Bronzeglocken der Kirchen und konfiszierten achtzig Geschütze.
Im Haus des Gouverneurs de Busto wurden die Verhandlungen über die Bedingungen für die Übergabe der Stadt geführt. Drake spekulierte auf ein hohes Lösegeld: „Eure Männer haben tapfer gekämpft, dennoch befindet sich Cartagena nun in unserer Hand. Doch seid unbesorgt: wir wollen die Stadt nicht dauerhaft besetzen. Wir sind bereit, nach England zurückzukehren, wenn Ihr uns ein gewisses Lösegeld erstattet. Ich denke, eine Million Dukaten wären eine angemessene Summe – dafür, dass wir die prächtigen Gebäude der Stadt verschonen.“
Doch de Busto ließ sich von Drakes Drohung, die Stadt niederzubrennen, nicht beeindrucken: „Ihr habt einen Ruf zu verlieren. Wollt Ihr wirklich als brandschatzender Wüstling in die Geschichte eingehen?“
Die Verhandlungen zogen sich über Wochen. Zwischen wüsten Beschimpfungen und Drohgebärden traf man sich zum gemeinsamen Abendessen. Man philosophierte über Religion und Politik und darüber, wie angenehm doch freundschaftliche Beziehungen zwischen England und Spanien für beide Länder sein könnten. Drake beeindruckte durch sein fließendes Spanisch – während seiner Weltreise hatte er seine Kenntnisse mit Hilfe der spanischen Gefangenen vervollkommnen können.
Nach fünf Wochen zeichnete sich ein Kompromiss ab: der Statthalter bot 100.000 Dukaten. Drake verlangte einen Aufschlag dafür, dass er die Kirchen nicht plündern ließ, und erhielt ihn letztendlich auch.
Die Beute war enttäuschend, doch Drake hatte keine Wahl. Er hatte zwei Drittel seiner Mannschaft durch Krankheit und Gefechte verloren. Ohne Unterstützung aus England hätte er Cartagena nicht halten können. Doch Königin Elisabeth brauchte jeden Soldaten, um England vor der drohenden Invasion durch die Spanier zu schützen. Drake ließ die Beute auf seine Schiffe verladen und trat die Heimreise nach England an.

Golden Hinde (Replik in London)



Francis Drake
Historischer Hintergrund